"Ich hätte nicht gedacht, dass man durch einen kleinen Beitrag so Großes leisten kann"
Das Patenschulteam der Tuttlinger Wilhelmschule ermöglicht den Bau einer Schule in Nepal
In Südasien liegt, in der Mitte seiner großen Nachbarn China und Indien, das einzige Hindu-Königreich der Welt: Nepal. Bekannt als Naturparadies, beliebt bei Trekkingtouristen und Bergsteigern, zieht das Land im Himalaya jedes Jahr Tausende von Menschen aus aller Welt an. Diese sind nicht nur fasziniert von den Naturschönheiten des Landes, sondern ebenso von der Freundlichkeit der Nepali und den vielen mystischen, kulturellen und spirituellen Orten und Ritualen.
Für die Nepali selber ist der Tourismus neben der Landwirtschaft der wichtigste Erwerbszweig und bedeutende Deviseneinnahmequelle. Das Geld, das durch den Tourismus verdient wird, hat das Land dringend nötig, denn es zählt zu den ärmsten Ländern der Welt; zu den so genannten LLDCs (least developed countries). Extremes Bevölkerungswachstum, enorme soziale Ungleichheit, unzulänglicher Zugang zu Nahrung, Land, Produktion, sanitären Einrichtungen und Schulbildung, Arbeitslosigkeit, niedriges Wirtschaft- und Technologieniveau, naturräumliche Schwierigkeiten, Umweltprobleme, sowie politische Probleme, sind Hauptursachen der Unterentwicklung. Vor allem der von der westlichen Welt kaum beachtete Bürgerkrieg verschlimmert in letzter Zeit die Situation der Bevölkerung.
Etwa 42 % der Nepali leben unterhalb der Armutsgrenze (d.h. sie verfügen über weniger als einen Dollar pro Tag), 90 % davon leben in den ländlichen Gebieten. Da wundert es nicht, dass auch die Lebenserwartung mit ca. 58 Jahren sehr gering ist.
Es ist schwierig, die Probleme des Landes zubekämpfen. Dies hat vielerlei Gründe, wie z. B. die mangelnde Bereitschaft der Regierung oder die unweigerliche Benachteiligung durch naturräumliche Begebenheiten, die beispielsweise den Transport von Lebensmitteln, Wasser oder Strom in abgelegene Bergregionen erschweren und bisweilen sogar unmöglich machen. Ein weiterer Grund sind aber auch die schlechten Möglichkeiten besonders der Landbevölkerung, sich durch eine angemessene Schulbildung das notwendige Maß an Bildung anzueignen, das wichtig wäre, um selbst etwas gegen ihre Probleme zu unternehmen.
Weil viele Kinder, vor allem Mädchen, in der Landwirtschaft der Eltern mithelfen oder durch Arbeit in der Teppichindustrie z.B. die Einkommensverhältnisse der Familie aufbessern helfen müssen, ist die Zahl der frühzeitig ihre Schullaufbahn abbrechenden Schülerinnen und Schüler groß. Viele erreichen nicht einmal das Ende der Grundschule. Zudem gibt es in den ländlichen Gebieten nur wenige, schlecht ausgestattete Schulen und die Wege zu diesen sind für viele Schülerinnen und Schüler oft viel zu weit. Schlecht ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer verschlimmerm die Situation.
Nepal ist daher auf ausländische Hilfe sehr angewiesen. Das weiß auch Wilfried Leibinger, ein Hauptschullehrer aus Kolbingen (Landkreis Tuttlingen), als er sich vor fünf Jahren einen Traum erfüllt und eine Trekkingtour in den Himalaya unternimmt. Wie es das Schicksal so will, trifft er auf den einheimischen Tourguide Narayan Adhikari und nach einiger Zeit und vielen Gesprächen über Land und Leute, haben die beiden einen gemeinsamen Plan: Sie wollen in Adhikaris Heimatdorf Bela, das 50 km nordöstlich von Kathmandu auf 1600 m im Himalaya liegt, eine Schule bauen, da die bestehende viel zu klein und nur sehr spärlich ausgestattet ist. Vor Ort macht sich Leibinger ein Bild und ist geschockt von den
ärmlichen Verhältnissen: kein Strom, keine Kanalisation und keine Straße, über die der Ort per Auto zu erreichen wäre; in der Schule sitzen die Kinder auf dem Boden, der einzige Raum ist viel zu klein und es gibt weder Wasser noch Toiletten. Leibingers Entschluss zu helfen wird dadurch noch mehr gestärkt und zu Hause in Deutschland macht er sich sofort an die Arbeit.
Seitdem hat der Hauptschullehrer viel geleistet und vor allem durch vielerlei Aktionen, wie Konzerte und Diavorträge, immer wieder Spenden für die Kinder in Bela gesammelt. Außerdem gründen er und Adhikari, zusammen mit dessen deutscher Frau Ursula und unterstützt vom Eine-Welt-Kreis St. Nikolaus Wolbeck e.V. (EWK) in Münster die Nepalhilfe "Haribol".
Leibinger hat auch in seiner damaligen Schule, der Wilhelmschule in Tuttlingen, von seinen Erlebnissen berichtet. Mit Erfolg: denn seit 1999 ist die Tuttlinger Schule offizielle Patenschule der Shree Mahakal Primary School in Bela. Zusammen mit einer Kollegin und einem Patenschulteam soll durch verschiedenste Aktionen Geld für die neuen Freunde im fernen Nepal gesammelt werden. Während einer Projektwoche wird Nepal zum großen Thema gemacht: es entstehen Wandzeitungen über Land und Leute, verkauft werden Bastelarbeiten und nepalisches Essen. Auch während des Erdkundeunterrichts wird Nepal zum Thema, ein Briefkontakt kommt zustande und einmal besucht sogar Narayan Adhikari die Schule. Das Patenschulprojekt wird schnell zum Anliegen der ganzen Schule, sogar Tuttlingens Oberbürgermeister Kolocek würdigt den Einsatz der Wilhelmschülerinnen und Schüler. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten: am 15. April 2002, nach fast einjährigem Schulbau, beziehen 231 Schülerinnen und Schüler in ihren blauen Schuluniformen die sechs Schulräume der neuen Shree Mahakal Primary School. Ausgestattet ist die Schule nun endlich auch mit Tischen und Bänken, Wandtafeln, einem Lehrerzimmer, einem Sekretariat und Öko-Toiletten. Wilfried Leibinger hat das große Glück, zur Eröffnung der Schule wieder in Bela zu sein. Der Dank der Schule gegenüber ihrem großen Freund und seinem Team aus Deutschland ist überwältigend.
Auch die Schülerinnen und Schüler der Wilhelmschule sind stolz, wenn sie die Bilder der schönen Schule sehen mit dem auffälligem blauem Dach und dem grandiosen Hintergrund, den die faszinierende Langtang-Lirung Bergkette bietet.
Sie haben durch ihre Arbeit im Patenschulteam viel gelernt: über ein fremdes Land, dessen Einwohner und Kultur, dessen Probleme und Faszinationen.
und sie haben erkannt, dass auch sie einen Beitrag leisten können für Menschen in der Dritten Welt, eigentlich ganz bequem von zu Hause aus, getreu dem Leitsatz des globalen Lemens: "Lokal denken, global handeln". Oder wie es eine Schülerin des Patenschulteams gesagt hat: "Ich hätte nicht gedacht, dass man durch einen kleinen Beitrag so Großes leisten kann."
Die Arbeit des Patenschulteams geht weiter, der Bau einer Secondary School ist beschlossene Sache. Weitere Informationen zur Arbeit von "Haribol" finden Sie auf der Internetseite
Astrid Weiß, die Autorin, ist PH-Studentin in Freiburg und zukünftige Realschullehrerin mit den Fächern Geographie,
Englisch und Religion. Sie schrieb ihre wissenschaftliche Arbeit über die Nepalhilfe "Haribol".